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Eigentlich eine atemberaubende Erinnerung an Xian und Martina

“Gehen Sie in das Hotel Xianxiang”, meinte Mr. Wang zum wiederholten Male und blickte etwas betrübt auf sein immer blasser werdendes Gegenüber, das neuerlich etwas zaghaft aber sichtlich nervös an seiner Krawatte nestelte. Mr. Wangs Geschäftspartner, Herr Gruber, versuchte nach wie vor verzweifelt, Haltung zu bewahren, was ihm im Laufe des Abends allerdings weniger und weniger gelingen wollte.

“Das Xianxiang Hotel hat hier in der Stadt die beste Luft”, begann Mr. Wang wieder, während Herr Gruber neuerlich den Kopf schüttelte, ein kratzig klingendes Husten von sich gab und anschließend sein gequältes Lächeln aufsetzte, das ihn bereits den ganzen Abend begleitete. Mr. Wang zuckte daraufhin nur hilflos mit den Schultern und verstand nicht, warum sich das Xianxiang Hotel einen schlechten Ruf in der Geschäftswelt eingehandelt hatte. Alle seine Geschäftspartner weigerten sich, dort zu nächtigen, obwohl es tatsächlich die allerbeste Luft der Stadt bieten konnte. Ausgestattet mit den modernsten Luftfilteranlagen verwöhnte man dort die angeschlagenen Atemorgane sogar mit leichten Beigaben von Duftstoffen, wobei stündlich eine Art frische Meeresbrise mit Kiefernwaldgeruch abwechselte. Zum inzwischen selten gewordenen Sonnenuntergang kam es auch vor, die Luft mit einem Hauch von Lotus durchsetzt genießen zu dürfen. Das Innere dieses Glaspalastes roch vielmehr nach einem Luftkurort, als nach einem städtischen Hotel.

“Hier, nehmen Sie das”, versuchte Mr. Wang das Gespräch wieder anzukurbeln, nachdem Herr Gruber mehrere aufeinander folgende röchelnde Laute von sich gegeben hatte, anstatt etwas zu sagen. Dabei schob er ihm dezent eine weitere Schachtel von Atemstäbchen über den Tisch zu, die Herr Gruber dankbar entgegen nahm und sofort öffnete, eines der Stäbchen entnahm und selbiges genussvoll anzündete.

“Eine großartige Erfindung!”, bemerkte Herr Gruber nach dem ersten Atemzug mit sichtlich erleichtertem Gesichtsausdruck.
“Ja”, erwiderte Mr. Wang relativ teilnahmslos. Er war es gewöhnt, diejenigen Geschäftspartner, die es zu ihm in die Stadt wagten, damit in großzügigem Ausmaße zu versorgen.
Herr Gruber nahm einen weiteren Atemzug, beobachtete den Glimmstengel interessiert und meinte anerkennend: “Interessantes System.”
Mr. Wang nickte und erwiderte gelangweilt seufzend: “Luftfilter, Luftfilter, Luftfilter, und was die nicht schaffen können, wird im vorderen brennbaren Filterbereich einfach abgefackelt.”
Herr Gruber begann sich immer mehr zu entspannen und blickte etwas interessierter im Gastgarten des tschechischen Bierlokals um sich. Eigentlich hatte Mr. Wang es gut gemeint, als er ihn in dieses Lokal brachte. Dummerweise hatte er nur nicht bedacht, dass es unter freiem Himmel lag, ein Himmel mit dessen Inhaltsstoffen bisher noch keiner seiner ausländischen Geschäftspartner zu Rande gekommen war.

“Scheint hier beliebt zu sein”, meinte Herr Gruber und deutete dabei auf sein halb heruntergebranntes Atemstäbchen sowie einige Nachbartische, wo selbige ebenfalls eifrig konsumiert wurden.
Mr. Wang nickte etwas aufgeweckter und antwortete: “Schreibt gute Zuwächse, die Firma, die sie produziert! 300% im Jahr!”
Herr Gruber hob überrascht die Augenbrauen. “Atemberaubend!”, meinte er anerkennend, hielt dann aber plötzlich inne, hob den Blick gen Himmel, schien sich kurz zu besinnen und schüttelte nachdenklich den Kopf. “Hat diese Firma ihren Sitz auch hier in der Stadt?”, fragte er schließlich beiläufig und dämpfte dabei das Atemstäbchen im Aschenbecher aus, um sich sofort ein weiteres in den Mund zu schieben und anzuzünden.

“Direkt am Stadtrand”, antwortete Mr. Wand. “Das Firmengelände ist riesig und wächst beständig”, fügte er hinzu und zündete sich dabei selber ein Atemstäbchen an. “Neben den Essstäbchen ist die Produktion der Atemstäbchen zum wichtigsten Firmenzweig dieser Stadt geworden. Alle sind süchtig danach!” Mr. Wang lachte laut auf, während Herr Gruber ihm interessiert zuhörte und sich das nächste Atemstaebchen zwischen die Lippen schob. Mr. Wang verschwieg allerdings wohlweislich, dass die graue Dunstglocke über der Stadt mit der wachsenden Produktion der Atemstäbchen einhergegangen war.

Nach kurzem Nachdenken fragte Herr Gruber schließlich: “Wieviele Sonnentage gibt es hier… normalerweise?”
Mr. Wang war Herrn Grubers höfliche Ausdrucksweise gewöhnt und wusste sie zu schätzen, verstand allerdings sehr wohl, dass Herr Gruber eigentlich die Vergangenheitsform gewählt hätte, wäre er so unhöflich gewesen, wie es seine anderen ausländischen Geschäftspartner häufig waren. Mr. Wang beschloss Herrn Gruber von seiner zwanghaften Höflichkeit zu entbinden und erklärte: “Früher, also, in meiner Jugendzeit waren es schätzungsweise 200 Tage im Jahr. Vielleicht auch mehr.”
“Und… heute?” fragte Herr Gruber vorsichtig nach.
Mr. Wang zuckte ratlos mit den Schultern. “Sehr wenige”, meinte er schließlich, was Herrn Grubers Interesse nur zu wecken schien, der sich bereits das nächste Atemstäbchen anzündete.
“Aber die Leute wollen ja auch mal Sonne haben”, versuchte Herr Gruber Mr. Wang aus der Reserve zu locken, um mehr Informationen zu bekommen.

“Ja, das wollen alle”, stimmte Mr. Wang zu. “Wir hier auch. Daher fahren wir auch, wann immer es geht, in die Sonne! Nach Süden, nach Norden, egal, einfach irgendwohin, wo die Sonne scheint.”
Herr Gruber rauchte inzwischen bereits zwei Atemstäbchen gleichzeitig. “Und dazwischen? Was macht man dazwischen, wenn man nicht wegfahren kann?”
“Künstliches Sonnenlicht”, erwiderte Mr. Wang und deutet auf die Leuchtstoffröhren bei der Gaststätte. “Gesetzlich vorgeschrieben”, fügte er noch hinzu und entzündete sich ebenfalls ein weiteres Atemstäbchen.
“Auch in der Fabrik?” fragte Herr Gruber nach.
Mr. Wang nickte nur, erwähnte aber nicht die zuvor vorhandenen Selbstmordraten, die es per Gesetz in den Griff zu bekommen galt und die alle Firmen zwang, ihre Arbeiterschaft mit entsprechender künstlicher Besonnung bei Laune zu halten. Mr. Wang beobachtete Herrn Gruber interessiert, der sichtlich entspannt wirkte, obwohl er inzwischen bereits das letzte Atemstäbchen aus der Packung inhalierte.

“War diese Region hier früher einmal nicht von hohem touristischen Interesse?” begann Herr Gruber wieder. “Ich meine ja nur, weil ich kaum Touristen gesehen habe.”
Mr. Wang nickte bedächtig. “Die Tourismusbranche ist um 90% eingebrochen. Dafür ist die örtliche Industrie um 700% gewachsen.”
Dieses Mal sparte sich Herr Gruber sein “Atemberaubend!” und Mr. Wang dachte an seine Jugendzeit, in der er oft die Sonntage auf einem nahe gelegenen Berg verbracht und von dort die Aussicht auf die Stadt genossen hatte. Eine Aussicht, die es nicht mehr gab, die daher auch keine Touristen anlocken konnte. Eine Aussicht, die aussichtslos geworden war, weil alles im Umkreis von maximal 500 m von einer grauen nebulosen Wand verschlungen wurde, eine Dunstglocke, die sich über die Jahre immer größer aufzublähen begann, sich immer gnadenloser über alles legte, alles immer gieriger in sich aufsog. Sie hatten sich daran gewöhnt. Irgendwie. Und die Industrien konnten sich im Schutzmantel des undurchdringlichen Graus unbemerkt entfalten, man konnte sie ohnedies kaum noch sehen. Auch Mr. Wangs Bekleidungsfabrik war gewachsen, hatte sich vervielfacht wie die Speckringe um seinen Oberkörper.
Eigentlich hatte er sich auf den Massagetempel gefreut, in den er Herrn Gruber nach dem Bierlokal einladen wollte. Aber Mr. Wang wusste, dass es nicht dazu kommen würde, nicht heute. Die Atemstäbchen waren alle verbraucht und aus Herrn Grubers Kehle drangen wieder bedrohliche Gurgellaute, sein Gast kämpfte wieder tapfer um seine Haltung. Herr Gruber hatte wenigstens Stil, so fand Mr. Wang. Er war immer um Höflichkeit bemüht, wobei es einigen seiner ausländischen Geschäftspartner, die unablässig die Luftqualität seiner Stadt kritisierten, gehörig mangelte. Anfangs hatte Mr. Wang das noch verärgert, inzwischen hatte er allerdings begriffen, dass diese Luft für einige seiner Gäste tatsächlich nicht allzu bekömmlich war. Spätestens seit dem Vorfall mit seinem irischen Geschäftspartner, der heftig hustend zusammengebrochen war und ins Krankenhaus gebracht werden musste, spätestens seit damals verstand das auch Mr. Wang.

“Werden Sie wiederkommen?” fragte Mr. Wang interessiert. Keiner seiner Besucher hatte sich jemals wieder blicken lassen. Sie alle begnügten sich damit, per (manipulierbarem) Videomaterial über die Qualitätskontrolle der Textilien entsprechend informiert zu werden.
Herr Gruber blickte Mr. Wang mit entsetztem Blick an und keuchte: “Wenn es notwendig ist”, sparte sich allerdings jegliche Erläuterung, was unter “notwendig” zu verstehen sei. Das Rasseln in seinen Lungen steigerte sich wieder deutlich, schließlich rang sich Herr Gruber doch dazu durch, sich seiner Krawatte zu entledigen, die obersten Hemdknöpfe hektisch zu öffnen, zu übersehen, wie Mr. Wang beim Anblick seiner Brusthaare ganz offensichtlich die Nase rümpfte, und schließlich hemmungslos nach Luft zu hecheln.
“Bringen Sie mich ins Krankenhaus!” gurgelte er Mr. Wang zu, der nur zu gut wusste, was das bedeutete, wie der Rest des Abends verlaufen würde.
Mr. Wang schüttelte den Kopf. “Morgen früh fliegen Sie ohnedies zurück. Was soll das jetzt noch bringen? Gehen Sie in das Hotel Xianxiang!”
“Bringen Sie mich ins Krankenhaus!” wiederholte Herr Gruber röchelnd, seine Augen waren inzwischen deutlich gerötet. Als Mr. Wang noch immer nicht reagiert, umklammerte er dessen Unterarm mit eisernem Griff und hauchte mit letzter Kraft: “Sauerstoffzelt! Ich brauche ein Sauerstoffzelt! Mein ganzes Leben lang habe ich mich noch nie so sehr nach einem gottverdammten Sauerstoffzelt gesehnt!”

Mr. Wang dachte wehmütig an den Massagetempel, dachte daran, wie viel Lebenszeit er schon in Sauerstoffzelten verschwendet und dort zusammengekuschelt über Geschäfte geplaudert hatte. Es war einfach so unendlich erbärmlich und er konnte es nicht leiden. Herr Gruber hatte inzwischen begonnen, die Augen eigenartig zu verdrehen und trug ein seltsames Blau auf den Lippen. Mr. Wang blickte Herrn Gruber hilflos an und winkte schließlich dem Kellner, der ihnen ein Taxi zur beliebtesten Servicezone des örtlichen Krankenhauses rufen sollte.

(Ähnlichkeiten mit existierenden Personen oder Ländern entspringen dem puren Zufall und/oder dem blanken Wahnsinn.) 

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